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01.11.2014

„Es ist gut, helfen zu können"

Die 25-jährige Inga Harlake arbeitet als Bestatterin

2011-11-01 inga-harlake kNeulich in der Disco, präziser gesagt vor den Spiegeln der Damentoilette, einem bevorzugten Ort weiblicher Konversation Männer werden das nie verstehen. Eine Disco-Besucherin zeigt auf die schwarze Bluse, die Inga Harlake an diesem Abend trägt, lächelt verschwörerisch und sagt, dass sie die Gleiche zu Hause im Kleiderschrank habe. Inga Harlake erzählt ihr, dass sie Bluse gern auch beruflich trage. Das war's.
War es nicht: Zehn Minuten später spricht die Frau die 25-Jährige auf der Tanzfläche an, ganz unvermittelt, weil sie ihr vom Tod ihrer Mutter erzählen will.

In der Disco über Verlust und Traurigkeit zu sprechen, das war neu für die Ottmarsbocholterin. Den Impuls vieler Menschen, über den Tod zu reden, kennt sie jedoch, seitdem sie Bestatterin ist. „Anfangs fand ich das erstaunlich", sagt sie. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich bewusst machte, wie sie selbst auf markante Berufsgruppen reagiert. „Wenn ich einen Polizisten kennenlerne, rede ich über Knöllchen und Verkehrskontrollen." Ein Automatismus.

Hier also einer bei einer Bestatterin. Deren Arbeitstag beginnt gerade normal, relativ jedenfalls, denn vorhersehbar ist nichts in diesem Berufsalltag. Der Chef der 25-Jährigen, der Lüdinghauser Bestatter Stephan Pinnekamp, nimmt gerade an einer Beerdigung teil, die er vorbereitet hat. Eine Anruferin möchte mit Inga Harlake den Inhalt einer Traueranzeige besprechen. Eine Mitarbeiterin eines Altenheims meldet einen Todesfall, um den sich Inga Harlake gleich kümmern wird.
Der Verstorbene hat einen Angehörigen, ihr Gesprächspartner für alles, was nun geregelt werden muss - die Überführung, wenn gewünscht in den Abschiedsraum, das Vorbereiten und Einkleiden des Toten, die Organisation der Trauerfeier und zuvor natürlich das Gespräch, letztendlich das Wichtigste.

Wenn die Bestatterin spürt, dass die Menschen ihr gegenüber erst reden wollen, wenn die Trauer alle anderen Gefühle überlagert, schiebt sie ihren Ordner mit den Unterlagen an den Rand des Tisches und hört zu. In ihrer Ausbildung hat sie gelernt, wie solche Gespräche einfühlsam geführt werden können. Doch keine Schulstunde kann das vermitteln, was ein Bestatter in diesen Momenten braucht - ein Gespür für Zwischentöne, für Ungesagtes. Manche Trauernden nimmt sie in den Arm, anderen hört sie zu. „Es ist gut, helfen zu können", sagt sie.

Allzu tief darf das, was sie hört, allerdings nicht unter die eigene Haut gehen. Das würde mürbe machen. Und wenn ein Todesfall sie tatsächlich so erschüttert, dass er sie nicht loslässt, dann hilft dies immer: „Wir reden hier sehr viel miteinander. Das ist wichtig und hilft."

Dass sie Bestatterin werden will, weiß Inga Harlake übrigens schon sehr lange. „Mit 14 Jahren fing das an", erzählt sie. Damals haben sie Fernsehserien und Dokumentationen beeindruckt. Zwei Jahre später, nach einem Praktikum in den Ferien, stand ihr Entschluss endgültig fest - was letztlich an der Vielseitigkeit lag: „Man kann Menschen helfen, man organisiert, arbeitet handwerklich." Für sie ein Traumberuf.


Wenn Kinder trauern

Inga Harlake bedauert das immer wieder: Als Kind hat sie nie an einer Beerdigung teilgenommen. Bei ihren eigenen Kindern möchte sie das anders halten. „Kinder bekommen die Trauer zu Hause mit. Ich finde es wichtig, sie einzubinden." Ganz ent-
scheidend ist für sie auch, wie Erwachsene mit Kindern über den Tod sprechen. Ein kleines Kind kann nicht verstehen, was ein Aussage wie diese bedeuten soll: „Opa ist eingeschlafen und kommt nie wieder". „Bei Kindern führt das oft dazu, dass sie
Angst vor dem Schlafen bekommen." Religiöse Bezüge helfen, wenn Kinder im Glauben erzogen werden: „Opa ist jetzt bei Gott." „Man sollte sich Zeit nehmen", meint die Bestatterin, „und Worte finden, die Kinder begreifen können."

Bericht: Westfälische Nachrichten/Annegret Schwegmann   Foto: Niklas Tüns